
Ich sehe die Rezensionen als eine Art von Kinderkrankheiten an,
welche die neugeborenen Bücher mehr oder weniger befällt.
Georg
Christoph Lichtenberg

Mike Hayes
Der Rezensent ist Journalist und lebt derzeit in London, UK

Viele Bücher
und Schriften wurden mir bereits präsentiert, mit unterschiedlichsten
Themen, alle natürlich gesellschaftsrelevant oder zumindest mit diesem
Anspruch versehen. Dabei, das wissen wir alle, klaffen Anspruch und dessen
Erfüllung zumeist weit auseinander.
Das Buch
HINTERGEDANKEN von Sonja Grass, erhebt zuerst und vor allem den Anspruch,
gelesen zu werden. Ein schlichtes Lesebuch also? Doch nicht so ganz das, was
wir allgemein gewohnt sind als Lesebuch zu bezeichnen. Es ist eines ohne
abenteuerliche, unterhaltsame und spannende Geschichten. Was ja nicht heißt,
dass es nicht trotzdem voller Abenteuer, Unterhaltungswert und Spannung ist.
Aber dennoch: Ein Lesebuch. Nur, was will es mit seinen kurzen Texten, die
auf den Alltag reflektieren, die Vordergründiges hintergründig beworten und
bewerten? Texte, die nicht auf die Zielscheibe zielen und dennoch ins
Schwarze treffen? Sozusagen durch die Brust ins Auge?
Texte, die da
und dort an Tabus rühren, aber sie nicht brechen?
Ein Buch der
Andeutungen ohne Deutungen also? – Oder liegt die Deutung dann im
verwunderten Gesicht des Lesers?
In seinem
Lachen, mit dem er quittiert, dass er es so oder ähnlich gesagt, geschrieben
hätte, hätte er überhaupt daran gedacht, seine Gedanken niederzuschreiben,
in ein Buch zu packen und dieses den Menschen zum Nachlesen zu geben?
Ach ja –
Nachlesen: Das war einmal der Gang über den Acker, um dort nach der großen
Ernte die übriggebliebenen Ähren aufzulesen und so sie zur Kostbarkeit, oder
sollte ich sagen Köstlichkeit, zu machen,– auch im Sinne von kosten, worin
wiederum zwei Bedeutungen stecken.
Ich meine, so
ist es auch mit diesem Buch von Frau Grass, die Gelesenes im Sinne von
Gesammeltes, Aufgelesenes richtiggehend auskostet und dadurch zum Kostbaren
oder Köstlichen macht, indem sie es – wie der Volksmund so schön sagt –
brühwarm serviert. In unserer eigengeschmacklichen Orientierung bleibt nach
dem Genuss des Gebotenen manchmal ein bitterer oder auch schaler Geschmack
zurück. Dies nicht etwa, weil das Angebotene nicht entspricht, sondern weil
die pointierte Würzung so manche Nuance heraushebt, die ansonsten –
sozusagen beim gleichen Grundmenue – verloren geht oder überdeckt und damit
nicht wahr genommen wird und damit dann auch nicht störend wirkt.
Mag. Albert Ruetz
Der Rezensent ist Germanist und Kulturreferent der Stadt Feldkirch

Das sehr
ansprechend gestaltete Buch hintergründiger Aphorismen der Vorarlbergerin
Sonja Grass, Jahrgang 1959, zeigt schon durch die Beigabe eines
Pillenbehälters mit bewusstseinserweiternden «Cere-Brumm», dass die Autorin
Witz hat und diesen von den Leserinnen und Lesern erwartet. Eine gute Idee,
die mir aber im Buch selbst etwas zu stark betont und ausgewalzt wird.
Die
Betrachtungen über die unterschiedlichen Eigenschaften diverser Europäer,
inklusive der Österreicher, sind zwar durchaus humorvoll geraten, bedienen
aber, für meinen Geschmack, zu viele alte Klischees. Dies verwundert, da die
sonstigen politischen und ethnischen Betrachtungen der Autorin von wachem
und kritischem Geist zeugen.
Die um
Philosophisches bemühten Sprachspielereien erinnern mich allerdings eher an
Spielchen aus der Studienzeit, die als Party Gag tauglich gewesen sein
möchten, nicht aber für die Konservierung im Buch. Hier liegt doch eine
starke Konkurrenz gerade älterer Aphoristiker vor, an deren scharfen
Ergüssen man gemessen wird. Und da muss Sonja Grass wohl noch weiter
hintandenken.
Die Illustrationen von Hildegard Unterweger treffen den Kern der Sache und ergänzen köstlich mit «spitzer Feder», was ich gerne spitzer auch in Worten gelesen hätte.
Elisabeth Zahlmayer
Die Rezensentin ist Schulrätin und lebt in Wien und Salzburg
«Hintergedanken» von Sonja Grass hat eben Hintergedanken. Und da kann ich
die etwas heftige Kritik von Frau Schulrätin nicht ganz übernehmen. Zumal
mir auch auffällig erscheint, dass Frau Zahlmayer Erinnerungen an ihre
Spielereien erfährt, eben durch Hintergedanken.
Osten ist
Osten, Westen ist Westen. Hier denkt man so, so denkt man dort und auch die
Spielereien in Wort und Geist kommen zum Ausdruck. Sonja Grass kann durchaus
bewusst dieses Mittel eingesetzt haben um mit Hintergedanken eben auf diese
Klischees hinzuweisen. Wir leben ja in einer Welt und Gesellschaft voller
Klischees. Sonja Grass muss sich nicht an älteren Aphoristikern messen, sie
hat ihr eigenes Profil und gehört eben einer jungen Generation an.
Die
Wortwahl ist ausgewogen, vielleicht manchmal in sich verborgen, witzig und
inhaltlich kernig. Mal weniger, mal mehr spitzig. Die abwechslungsreichen
Formulierungen von Hintergedanken verleiten zum Nachdenken, was hinter den
Gedanken gemeint ist. Und das ist mit dem kleinen Buch in origineller
Aufmachung durchaus gut gelungen. Lesenswert und erweiterbar für den eigenen
kritischen Weg der Hintergedanken.
Eine Satire lebt durch
große, inhaltliche Freiheiten. Mit Spott und Übertreibung bildet sie das
reale gesellschaftliche Leben ab, denn der Scherz hat eine ernste
Komponente. Sie ist mehr als nur anspruchslose Gebrauchskunst, sozusagen ein
Zerrspiegel seiner Zeit – also ist es paradox, aktuelle Texte mit jenen aus
vergangenen Zeiten zu vergleichen.
Der Quellenwert der gesellschaftskritischen Texte ist schwerer zu fassen,
zumal dem Autor frei steht, nicht unbedingt gesellschaftlich signifikant zu
sein. Leser bestimmter, meist bildungsbürgerlicher Gruppierungen zeigen oft
wenig Verständnis für reale Parallelwelten und beziehen in der Folge
kraftvoll eine Gegenposition. Ein guter Satiriker sollte sich jedoch hautnah
mit seinem Kriterium auseinandersetzen, was Frau Sonja Grass absolut
gelungen ist.

Das Gesamtwerk gliedert sich in
A) eine Pillenschachtel
und
B) in ein Buch ohne Pillenschachtel.
Die Pillenschachtel, welche Pfefferminzpastillen enthält,
ist leider allzu rasch ausgelesen, idealerweise mit
Daumen und Zeigefinger.
Nehmen wir nun B) das Buch zur Hand. Kein Zweifel, das
ist die Autorin vorne auf dem Cover. Wer's nicht glaubt
soll das Buch umdrehen, die Teufelshörnchen geben uns die
letzte Gewissheit.
Schlagen wir das Buch auf einer x-beliebigen Seite auf.
Zum Beispiel auf Seite 45 - Psychiatrisches - und lesen zu unserem
Befremden von einer Masturbatoren Selbsthilfegruppe
(lesen Sie das Buch eigentlich allein oder gerade jemanden vor?)
Nach ausgiebiger Befremdung blättern wir rasch eine Seite
weiter vor und blicken entsetzt und lange auf eine
"Busen-Größe-Tastwand-für-Männer-ohne-Größe", lustig
illustriert von der bekannten Künstlerin Hildegard Unterweger.
Aber es wird noch besser.
Die Autorin begleitet den Wiener, der ja ein bisschen auch
ein Österreicher ist, auf zwei Seiterln (71 und 73) zum
Zentralfriedhof, bemerkt beim Schweizer Löcher im Bankgeheimnis,
erlebt die Deutschen als ein Volk mit nur drei Himmelsrichtungen, weil
es den Osten verloren hat. Ganz egal ob es nun Franzosen, Liechtensteiner,
Amerikaner, den Tod, die Katholische Kirche,
Politik, Gefühle, Beziehungen, Genetik,
ägyptische Bondage (Mumien), Gothic Babies, Essen
oder Schwer-Verdauliches (von Farbe und Eva Braun),
Innovatives, Mohammed, Buddha, den Dalai Lama, Jesus, Moses,
Allergien (auf dieses und jenen), Zeit, Phallosophie oder
Liebesplacebos betrifft, Sonja Grass findet dazu originelle Ansichten welche
uns zum Schmunzeln aber auch zum Hinter-Nachdenken anregen.
Ein unterhaltsames Buch mit viel Charme und Witz.
Dr. Hannes Hassler / Naturwissenschaftler / Wien
